Schon beim Betreten des Areals des Weltkulturerbes Mathildenhöhe wird deutlich: Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Die gesamte Anlage ist als harmonisches Gesamtkunstwerk konzipiert, in dem Landschaft, Architektur und Kreativität eng miteinander verbunden sind. So ergibt die durchdachte Anordnung von Platanenhain, Wegen, Pergolas, Wasserspielen und Wasserbecken diverse Sichtachsen, wodurch alle Elemente des Ensembles miteinander verbunden werden. Insbesondere der sogenannte „Schwanentempel“ mit seiner verblüffenden Akustik, die den Betrachter ins Zentrum der Anlage stellt, lenkt den Blick in alle Richtungen und verbindet alle Elemente zu einer Einheit.
Bei einer Führung wurden uns verschiedene Gebäude gezeigt, die als wichtige Wegbereiter für die moderne Architektur und auch das Industriedesign (AEG) gelten. Die Künstlerkolonie, gegründet im Jahr 1897, schlägt eine Brücke vom verspielten Jugendstil zur sachlichen Baukunst. So steigt man über eine monumentale Freitreppe zum Ernst-Ludwig-Atelierhaus, das wie ein Tempel der „neue Akropolis“ über der Stadt thront. Während das Portal prachtvoll mit Goldornamenten verziert und von zwei monumentalen Statuen (Kraft und Schönheit) bewacht wird, ist der Baukörper seiner Funktion als Atelierhaus entsprechend praktisch und einfach gestaltet. Die glatte weiße Fassade wird nur von großen Fenstern unterbrochen, um – ganz pragmatisch – eine optimale Belichtung im Inneren zu erhalten.
Ein weiteres Highlight war das Große Haus bzw. der „Showroom“ Glückert des gleichnamigen Möbelfabrikanten, das durch seine aufwendige Fassade und das markante fast kreisrunde Secessions-Portal beeindruckt. Beim Erleben der Innengestaltung wurde das Konzept des Gesamtkunstwerkes wieder deutlich: „Richtig cool war, dass die Künstler früher wirklich alles zueinander passend selbst gestaltet haben, sogar die Möbel, Zimmerdecken und Türklinken.“
Auch das Haus Behrens, das erste architektonische Werk des Malers Peter Behrens, der später das AEG-Design prägte, besticht durch eine besondere ästhetische Wirkung. Der kompakte, tektonische Baukörper wird durch seine grafisch rhythmisierte Fassade aufgelockert. Dunkelgrün glasierte, plastische Keramik-Lisenen verleihen der hellen Putzfläche eine vertikale Struktur und setzen einen markanten, dunkel schimmernden Akzent. Zu diesen damals formsprachlich neuen Gebäuden bildet die Russische Kapelle mit ihren goldenen Kuppeln einen starken Kontrast und einen alternativen Eyecatcher auf der Mathildenhöhe.
Ergänzend zeigte uns die aktuelle Ausstellung „A Step Ahead“ zum 125-jährige Jubiläum der ersten visionären Bauausstellungen der Künstlerkolonie gegenwärtige innovative Designideen.
Zum Abschluss ging es zur Waldspirale, einer Wohnanlage von Hundertwasser, welche zwischen 1998 und 2000 erbaut wurde. Wo die Mathildenhöhe auf Eleganz setzt, forderte Hundertwasser die Natur mit organischen Formen und Linien, vielen Pflanzen und einer farbenfrohen Gestaltung zurück. Besonders prägnant sind die Bäume auf und an dem Gebäude – die sogenannten „Baummieter“.
Insgesamt zeigte diese Exkursion eindrucksvoll, wie unterschiedlich Architektur gestaltet werden kann und wie historische Ideen bis in die Gegenwart weiterwirken. Umso mehr lohnt es sich, das nächste Wochenende für einen Ausflug nach Darmstadt zu nutzen!
